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Schusterjungen und Hurenkinder

Bereich für Fragen und Lösungen zu Scribus-Einsteiger-Problemen.
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Neytiri
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Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Neytiri » Do 31. Jul 2014, 18:31

Hallo allerseits,

soweit ich das nun verstanden habe, gibt es keine automatische Lösung in Scribus für Schusterjungen und Hurenkindern. Da ich einen längeren Roman schreibe, kommen bei mir die beiden ständig vor und ich suche nach einer vernünftigen Lösung des Problems.

Nun habe ich mich dazu entschlossen, einen kleinen Kniff anzuwenden, weiß aber nicht, ob der für Typographen akzeptabel ist.
Angenommen ich habe einen Stil namens "Textkörper" für meinen Textkörper definiert. Er hat einen festen Zeilenabstand von 15 pt bei einer Schriftgröße von 10 pt und einem Abstand unter dem Absatz von 10 pt. Wenn jetzt beispielsweise ein Hurenkind auftaucht, wende ich auf die Absätze der Seite davor den Stil "TextkörperHurenkind" an, der alles gleich behält, aber den Zeilenabstand auf 14 pt verringert hat (also einen schmaleren Durchschuss hat). Ich könnte natürlich auch den Abstand zwischen den Absätzen verringern, aber der Effekt wäre dann nicht so gut.
Beim Schusterjungen wende ich den entgegengesetzten Kniff an, also den Stil "TextkörperSchusterjunge" mit 16 pt Zeilenabstand auf alle Absätze der vorigen Seite zuweisen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man nicht lieber mit "TextkörperHurenkind" arbeitet und dann statt dem Schusterjungen 2 Zeilen des Absatzes am Ende der Seite hat.

Ist das legitim? Oder stehen den Typographen unter Euch da die Haare zu Berge? Jedenfalls kann ich so sehr schnell via Handarbeit die armen Kinderlein des Textes erlösen. Sollte sich der Text ändern, ist durch Stiländerung auch schnell wieder der Textkörper eingestellt. Da ich nur kapitelweise verkette, gibt es nicht so viel zu tun...

Vielen Dank schon mal im voraus für konstruktive Antworten :-)
Gruß,
Neytiri

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Arran
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Re: Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Arran » Do 31. Jul 2014, 18:44

Da ich praktisch keine Haare mehr habe – zumindest auf dem Kopf – können sie auch nicht zu Berge stehen. Und da die Feinheiten und damit auch die Schönheiten in der heutigen Zeit ja schon in der Lehrerschaft nicht mehr bekannt zu sein scheinen, merken das wohl nur noch ganz wenige Bibliophil angehauchte Exoten. Im Satz haben wir das genau so beschissen, Hauptsache, dass Register gehalten wurde. Wobei Austreiben (also Deine Schusterjungenlösung) die einzig praktikable Lösung war.

Kurz – ich würde mir da keine Gedanken darüber machen.

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Re: Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Lehrerin » Do 31. Jul 2014, 19:59

Hallo,
Meine Studenten lernen, dass sie die Seite gegen das Licht halten sollen, um die Registerhaltigkeit zu prüfen, und damit einen wichtigen Faktor für die Qualität des Satzes bestimmen können. Es ist bei Beherrschung der deutschen Sprache, also wenn man sie nicht nur sprechen/schreiben kann, sondern wirklich der Herr der Sprache ist, immer möglich einen Absatz so umzuschreiben, dass weder Schusterbuben noch Hurenkinder entstehen. Ein Setzer darf das womöglich nicht (obwohl mein Typografie-Lehrer sagte, dass sie das sehr wohl taten), aber wenn ich selbst über den Text die Herrschaft habe, darf das kein Problem sein.

Die "automatische Lösung" von InDesign z. B. besteht in Leerzeilen am Ende der Seite. Die könnte man in Scribus ganz einfach durch Verkürzen des Textrahmens generieren.

Dass ich ein wenig puristisch bin, wurde hier schon festgestellt. Es muss nicht wiederholt werden.

Gruß
Lehrerin

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Re: Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Arran » Fr 1. Aug 2014, 01:07

Dann sage ich neu: pedantisch. Bild

Ja glaubst du denn wirklich, Du könntest einen Baudelaire- oder Shakespeare-Text eigenmächtig abändern? Oder ganz einfach als Setzer das Gewäsche eines Scheffelredaktors? Was Du mit Deinen eigenen Texten veranstaltest kannst Du haben wie Du willst. Nur, 99% aller Leser wissen nicht, was registerhaltig ist, von daher kommt es wirklich nicht drauf an.

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Re: Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Lehrerin » Fr 1. Aug 2014, 07:42

Registerhaltigkeit hat nicht nur etwas mit "wissen" zu tun. Der Text von der Rückseite schimmert immer ein wenig durch das Papier. Bei nicht-registerhaltigen Texte sind deshalb die Zeilenkonturen nicht so scharf und das Lesen bzw. in der Zeile bleiben anstrengender. Gerade diese nicht bewusst wargenommene Erschwernis wirkt sich aber auf den Leser aus. Deshalb ist Registerhaltigkeit immer noch das Kennzeichen eines guten Satzes.

Im übrigen werden gerade Laien auf dem Gebiet des dtp von den Fachleuten sehr kritisch betrachtet. Über kleinste Setz-Fehler lässt man sich genüsslich aus und können zu Verrissen bei der Beurteilung führen. Hier in Deutschland gilt immer noch die Berufsausbildung als höchstes Gut.

Lehrerin

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Re: Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Arran » Fr 1. Aug 2014, 13:12

Lehrerin hat geschrieben:Deshalb ist Registerhaltigkeit immer noch das Kennzeichen eines guten Satzes.
Habe ich das bestritten? Nein. Ich habe auch nie bestritten, dass Rechtschreibefehler und falsche Grammatik eine Schweinerei sind. Alles was ich sage ist, dass heutzutage wo ja die Mehrheit aller Lehrerinnen und Lehreraussen von beidem keine Ahnung mehr hat, es auch dem Rest der Deutschen völlig egal geworden ist, wie sie etwas zusammenschustern. «Hier wird ihnen geholfen!!!» war vor 20 Jahren ja noch lustig, ist allerdings heutzutage zur Gewohnheit geworden. Ich behaupte auch, dass gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Anglophilitis besonders zu beklagen ist, da Deutsch eine der anspruchsvollsten Sprache ist.

Aber eben, unsere Damen und Herren Politiker kriechen lieber der englisch-sprechenden Welt in den Hintern, statt sich die Mühe zu geben, Deutsch zu vertiefen.

Als Beispiel diene die Schweiz: Wir haben vier Landessprachen: Deutsch ca 65%, Französisch ca 23%, Italienisch ca 8% und Räto-Rumantsch ca 1%. Dazu noch ca 3% andere, vorwiegend balkanische Sprachen. Nun gibt es ernsthafte politische Bestrebungen, die von den Spitzen der Lehrerschaft unterstützt werden!!!, die das bisherige System dass die Sprache des Landesteils und dazu zwingend eine der anderen Landessprache, zugunsten von Englisch auf nur noch eine Landessprache reduziert wird. In höheren Klassen kann Englisch zusätzlich gelehrt werden. Was das bedeutet ist zwar nicht so schnell eruierbar jedoch völlig klar: schon heute sind in grösseren Unternehmungen mit Arbeitsstätten in mehreren Sprachgebieten Firmen dazu übergegangen, dass Englisch nun die Unternehmenssprache geworden ist. Die ernstere Konsequenz hingegen ist darin zu finden, dass die Schweiz nur existieren kann, wenn die Mehrheit die Minderheit verstehen kann. Je weniger Leute aber die beiden anderen Sprachen verstehen, desto weniger Zusammenhalt haben wir. Wenn es so weitergeht wie bisher, wird sich die Schweiz in einem Zeitraum von etwa 50 bis 100 Jahren vollständig auflösen und in die umliegenden sprachlich definierten Länder integrieren. Also ein deutsches Bundesland Schweiz, ein französisches Département Suisse und eine italienische Provinia Svizzera.
Zum Glück macht da die stimmberechtigte Bevölkerung (noch) nicht mit. Per Abstimmungen sind schon in mehreren Kantonen und Gemeinden diese Tendenzen wuchtig abgeschmettert worden. Das interessiert allerdings die Lehrer und Politiker nicht, die machen fröhlich weiter.

Als übrigens die EU gegründet wurde war die offizielle Sprache dort Französisch, das ja auch jahrhundertelang die Sprache der Diplomatie war. Alle Edikte wurden im Originaltext auf französisch erstellt und anschliessend übersetzt. Sprachsprache wurde schon sehr früh die Sprache des Sprechenden mit Simultan-Übersetzung. Ich weiss nun nicht, ob wir es Frau Eckel-Thatcher zu verdanken haben, dass nun Englisch die Hauptsprache ist und alle muss auf Englisch gesagt werden. Was dann zu absoluter Lächerlichkeit sehr vieler Abgeordneter und Kommissare führt.

Noch zur Berufslehre: Nach wie vor ist die Anzahl aktiv besetzter Lehrstellen in der Schweiz im Verhältnis zur Population am höchsten – dafür haben wir am wenigsten über-ausgebildete Akademiker, für die man künstlich Beschäftigungen finden muss.

Pu der Baer
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Re: Schusterjungen und Hurenkinder

Beitrag von Pu der Baer » Di 2. Sep 2014, 10:45

Hallo,

ich bin ja auch nur mit erhöhtem Halbwissen in Sachen Typographie und Design ausgestattet und behelfe mir im Zweifel so:
1. Umschreiben des Textes und/oder ändern von Worttrennungen, so daß es passt.
2. Wenn das nicht hilft: minimalste Abstandsänderung der Zeichen. Sofern man den Zeichenabstand z.B. von 100% auf 98% oder 102% o.ä. ändert, wird es wohl weniger auffallen als eine Änderung des Zeilenabstands.

Die Registerhaltung erscheint mir aus o.g. Gründen wertvoller und Lesefreundlicher, als diese Zeichenabstände.

Aber das ist nur die Meinung eines Bären von geringem Verstand
von
Pu der Baer

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